Die Sache mit dem Leben

Die Sache mit dem Leben. Trifft es das nicht am Besten? 731 Tage sind inzwischen vergangen, zwei Jahre. Zwei Jahre, die schneller vergangen sind, als ich erwartet hätte. Zwei Jahre, in denen so viel passiert ist, was du verpasst hast – nicht hättest verpassen sollen. Die Dinge waren doch ganz anders geplant, für alle von uns.

Ich werde diesen Tag im Herbst 2013 nie vergessen. Der Tag, an dem wir die Diagnose bekamen, die heutzutage so viele Menschen hören: Krebs. Lange war schon etwas nicht ganz okay, aber damit rechnete doch keiner von uns. Das musste erstmal sacken. Krebs. Plötzlich diese ganzen Fragen. Was? Warum? Wie? Schlimm? Heilbar? Was wird passieren? Was kann man tun? Kann man etwas tun? Was in der darauffolgenden Zeit auf uns zukommen würde, was wir alle durchmachen mussten – das ahnte in diesem Moment noch keiner. Vor allem nicht, wie steinig dieser Weg werden würde. Das es eine ganze Familie zerreißen würde.

Für den Moment nahm ich es so hin, arrangierte mich damit. Akzeptierte es. Wir versuchten positiv zu bleiben, auch wenn die Chancen auf Heilung schlecht standen. Die Chancen, dass es eindämmbar und uns somit ein paar Jahre geschenkt werden könnten, standen dagegen nicht schlecht. Ein kleiner Lichtblick. Die erste Behandlung verlief sogar überraschend gut. Die zweite dafür nicht mehr. Den Anruf an einem Dezembermorgen während der Arbeit werde genauso wenig vergessen, wie diesen Tag im Herbst. Dein Körper wehrte sich gegen die Therapie, es sah nicht gut aus. Dennoch warst du nach diesem Tag nicht mehr die gleiche Person. Du warst anders. Ein Schlaganfall kann vieles im Kopf eines Menschen verändern. Sehr viel. Bis heute fällt es mir schwer, diese Zeit zu verstehen. Diese Krankheit zu verstehen. Alles zu verstehen.

Von dem Tag an war nichts mehr, wie wir es kannten. Wir standen alleine da. Wir, mein Bruder und ich. Das wir noch 1,5 schwere Jahre vor uns haben würden ahnten wir zu dem Zeitpunkt nicht. Es war schwer alles zu ertragen. Viele Erwartungen und noch mehr Druck von Außen. Jeder außenstehende Mensch meint es besser zu wissen, seine Meinung frei äußern zu dürfen ohne dabei Rücksicht auf Verluste zu nehmen. Ohne zu hinterfragen. Das zu tun, was vielleicht für einen selbst besser gewesen wäre, war nicht erwünscht. Und wenn man es doch tat, waren Konflikte vorprogrammiert. Das selbst der eigene Vater nur negative Kritik hatte, obwohl er es selbst nicht besser machte – war schwer. Es ist bis heute schwer. Ich wäre gerne so viel öfter bei dir gewesen, wollte mit dir reden, dich sehen, mit dir lachen und über erlebtes reden – aber es ging nicht. Es ist für jeden Menschen dieser Welt schwer, so eine Situation zu akzeptieren. Damit umzugehen und halbwegs unbeschadet daraus hervorzugehen. Dabei (fast) alleine zu sein macht es nicht einfacher. Diese 1,5 Jahre von denen ich sprach, sie vergingen rückblickend schneller, als es in diesen Momenten aussah. Oft zog sich die Zeit wie Kaugummi. Ein Rückschlag holte den nächsten ein. Man versuchte so gut man konnte seinen Alltag durchzustehen, zu atmen, einen klaren Kopf zu bewahren .. und doch wartete man auf den Moment, an dem die ganze Last von den Schultern fallen würde.

Dieser Tag kam am 18. März 2015. Der Anruf morgens um kurz nach 5. Ich rechnete damit, ich wurde am Abend bereits vorgewarnt. Es war okay. Es war fast gut. Auch wenn ich wusste, dass diese Reise ein Leben lang gehen wird, so hatte in diesem Moment immerhin dein Leiden ein Ende, unser Leiden – und das war das Wichtigste. Seit diesem Tag fehlst du jeden Moment. Kein Tag verging bisher, an dem ich nicht an dich dachte. Es nicht einen Moment gab, von dem ich gerne berichtet hätte. Situationen in denen das Herz schwer war, weil ich sie nicht mit dir teilen konnte. Momente in denen die Seele schwer wird, weil einem klar wird, wie viele wunderbare Momente du verpassen wirst. Nicht nur von mir, nein. Auch von deinem Sohn. Vieles, dass du doch hättest erleben sollen. Vieles, bei dem ich dich doch dabei haben wollte. Man sagt oft: die Zeit heilt alle Wunden. Aber nein. In solchen Fällen wird die Zeit nie etwas heilen. Die Wunden sind da und sie werden bleiben – für immer. Man lernt lediglich mit dem Schmerz zu leben, seinen Alltag zu bestreiten und weiterzugehen. So hart es ist, aber das Leben geht weiter. Immer. Es werden noch viele Momente kommen, in denen mir die Tränen in die Augen schießen werden. Momente, in denen mein Herz schwer sein wird. Momente, in denen der Kloß in Hals mich zu ersticken droht. Heute ist so ein Tag. Nächste Woche wird so ein Tag sein. Das wird ein Leben lang so ein. Ich würde alles dafür geben, dich noch ein einziges Mal zu sehen. Einmal deine Stimme zu hören, mit dir zu sprechen. Dich fest zu umarmen. Egal was. Aber egal, wie unerträglich alles manchmal scheint, bei dem Gedanken an diese vielen wundervollen Erinnerungen, die ich an dich habe, wird es erträglicher. Erinnerungen an die beste Mama, die ich mir hätte wünschen können.

Warum ich meine Geschichte in diesen Zeilen teile? Weil es kein Einzelfall ist. Weil da draußen so viele Menschen sind, denen es ähnlich geht. Weil es in dunklen Momenten manchmal guttut zu wissen, dass man nicht alleine ist.

5 Kommentare

  1. Liebe Lea, das hast du so wunderbar schön geschrieben! Ich könnte den Text genau so unterschreiben, denn du triffst den Nagel auf den Kopf. Auch ich denke jeden Tag an meine Mama, die den Krebs leider nicht überlebt hat..
    Ich folge dir schon eine Weile auf instagram und ich finde du bist so eine tolle und starke Persönlichkeit. Ich wäre froh, wenn ich auch nur halb so stark und unabhängig wäre wie du.
    Mach weiter so, ich wünsche dir alles Gute! 😘

  2. Fühl dich gedrückt. Ich sitze hier und mir laufen die Tränen über die Wangen. Jedes Wort glaube ich dir, weil ich genauso fühle. Bei mir traf es meinen Opa, der 22 Jahre wie ein Papa für mich war. Bis zur letzten Minute wohnten wir zusammen.
    Ich kann es so gut verstehen. Ich selbst hätte es auch so schreiben können. Die Zeit heilt absolut gar nichts. Und es hört auch nicht auf, weniger weh zu tun. Die Gewohnheit schleicht sich halt ein und deshalb kann man weiterleben. Man muss es ja schließlich. Aber ich bin mir sicher, dass sie über uns wachen und weiterhin auf uns achten. ♡

  3. Sehr treffend formuliert! Und ja, es ist schön zu wissen, dass man nicht alleine ist… nur wie du sagst, es bleiben so viele Momente die sie nicht mit erleben wird und das ist so unglaublich unfair und tut weh. Meine Mama fehlt seit einem halben Jahr und ich möchte dich wissen lassen, dass das was du tust hilft und, dass es leider stimmt, dass es einige von uns gibt…
    Liebe Grüße und genieße dieses wunderbare Leben!

  4. Hallo Lea 🙂 hab dich länger bei Instagram verfolgt und hab deinen Blog durchgelesen, find die Texte sehr spannend! Mich würde mal interessieren wie es mit deinem herzmensch weitergegangen ist und wie du Liebeskummer überstehst. Danke und einen schönen Tag!

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